Wenn spirituelle Führung in Abhängigkeit führt
Unter dem Deckmantel des Zen-Buddhismus sollen in einer hessischen Gruppe über Jahre hinweg Strukturen entstanden sein, die ehemalige Mitglieder als manipulativ und ausbeuterisch beschreiben. Über zwei Jahrzehnte verbrachte eine heute 53-jährige Frau, die sich Steffi nennt, in dieser Gemeinschaft. Was sie einst als familiäre Geborgenheit unter der Leitung eines vermeintlich erleuchteten Meisters empfand, bewertet sie heute als ein Geflecht aus Angst und Abhängigkeit.
Die Vorwürfe gegen den Zen-Lehrer wiegen schwer. Ehemalige Schüler berichten von einem System, in dem Kritik unterdrückt und die Angst vor spirituellen Konsequenzen als Druckmittel eingesetzt wurde. Der Meister habe den Anhängern vermittelt, er könne ihnen bei einer günstigen Wiedergeburt nach dem Tod behilflich sein. Im Umkehrschluss wurde ein Austritt aus der Gruppe als gefährlicher Weg in den Abgrund dargestellt.
Finanzielle Forderungen und unbezahlte Arbeit
Ein zentraler Punkt der Kritik betrifft den Umgang mit Geld. Laut Berichten ehemaliger Mitglieder wurden regelmäßig hohe Summen von den Schülern eingefordert. Dabei sollen interne Codewörter wie „Kuchen“ verwendet worden sein, um Geldbeträge – etwa 1.000 Euro pro „Kuchen“ – in Rundmails zu verschleiern. Die Mittel seien unter anderem für Luxusreisen des Meisters, dessen Mercedes oder zur Deckung von Verlusten nach Casino-Besuchen verwendet worden.
Neben finanziellen Zuwendungen berichten Aussteiger von unbezahlter Arbeit. Unter dem Begriff „Samu“, der eigentlich für meditatives Arbeiten steht, sollen Mitglieder Putzdienste und andere Tätigkeiten in der Privatwohnung des Meisters verrichtet haben. Kritiker sehen darin eine Form der Ausbeutung, während aktive Anhänger von freiwilligen Freundschaftsdiensten sprechen.
Die Rolle der Struktur im Buddhismus
Die Deutsche Buddhistische Union (DBU) weist darauf hin, dass die buddhistische Landschaft in Deutschland sehr heterogen ist. Von geschätzt 500 buddhistischen Gruppen sind nur etwa 60 im Verband organisiert. Da es keine standardisierte Ausbildung für Zen-Meister gibt, kann theoretisch jeder, der eine gewisse Zeit in einem Kloster verbracht hat, eine eigene Gruppe gründen und Kurse anbieten. Diese mangelnde Regulierung begünstigt laut Experten das Entstehen von „Wohnzimmer-Gurus“.
Der buddhistische Mönch Tenzin Peljor, der seit Jahren über sektenartige Strukturen aufklärt, betont, dass in problematischen Gruppen jede Kultur für eine konstruktive Fehlerkultur fehle. Kritik am Lehrer werde oft als Zeichen der eigenen Verblendung abgetan. Dies führe zu einer gefährlichen Isolation der Mitglieder.
Rechtliche Einordnung und Stellungnahme
Der beschuldigte Zen-Meister weist die Vorwürfe der systematischen Ausbeutung in einer Stellungnahme zurück. Er betont, dass es sich bei den Geldzahlungen um freiwillige Schenkungen im Sinne des „Dana“-Prinzips handele – einer spirituellen Praxis des selbstlosen Gebens. Von den Rundmails mit den „Kuchen“-Codewörtern will er keine Kenntnis haben. Zudem erklärt er, dass Angst in seiner Lehre keinen Platz habe und er Wert auf mündige Anhänger lege, die ihre eigenen Wege gehen.
Aus polizeilicher Sicht ist die rechtliche Verfolgung solcher Fälle komplex. Andreas Delis, Experte für sektenartige Gruppierungen beim Polizeipräsidium München, erklärt, dass freiwillige Spenden oder ehrenamtliche Arbeit für sich genommen keinen Straftatbestand darstellen. Dennoch gibt es Präzedenzfälle, in denen Gerichte zugunsten der Geschädigten entschieden haben, etwa wenn der Tatbestand des Wuchers nach Paragraf 291 StGB erfüllt ist. Dies ist dann der Fall, wenn die Zwangslage oder die Unerfahrenheit von Menschen ausgenutzt wird, um unverhältnismäßig hohe finanzielle Vorteile zu erlangen.
Für Steffi und andere Betroffene bleibt nach dem Ausstieg die Aufarbeitung der vergangenen Jahre. Während die Gruppe für sie einst eine Familie war, sieht sie den Meister heute als jemanden, der ihre spirituelle Suche für eigene Zwecke instrumentalisiert hat.