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Buch über Douglas Latchford: Ein Kunstraub industriellen Ausmaßes
Kultur · 20.08.2026 21:36

Buch über Douglas Latchford: Ein Kunstraub industriellen Ausmaßes

Kurz: Das Buch „The Man Who Stole The Gods“ enthüllt, wie Douglas Latchford über Jahrzehnte hinweg kambodschanische Kulturschätze systematisch raubte und verkaufte.

Was geschehen ist: Ein Kunstraub von industriellem Ausmaß

Der kanadische Wirtschaftsjournalist Matthew Campbell hat mit seinem kürzlich erschienenen Sachbuch „The Man Who Stole The Gods“ eine akribische Aufarbeitung eines der größten Kunstraub-Skandale der jüngeren Geschichte vorgelegt. Im Zentrum steht der britisch-thailändische Kunsthändler Douglas Latchford, der über Jahrzehnte hinweg massenweise gestohlene Skulpturen aus Kambodscha in den internationalen Kunstmarkt einschleuste. Was wie ein Hollywood-Thriller anmutet, entpuppt sich bei Campbell als eine systematische Ausplünderung eines Landes, das während des Kalten Krieges politisch und gesellschaftlich heillos zwischen den Fronten stand. Latchford nutzte die Instabilität Kambodschas aus, um archäologische Stätten, darunter die berühmten Tempel von Angkor Wat und die antike Stadt Koh Ker, systematisch plündern zu lassen. Die Objekte, die aus dem Zeitraum zwischen dem 9. und 15. Jahrhundert stammten, wurden durch ein komplexes Netzwerk aus korrupten Beamten, willigen Komplizen und renommierten Auktionshäusern in den Westen geschafft. Der Prozess der Aufarbeitung, der durch die Rückführung von hunderten Objekten aus bedeutenden Museen und Privatsammlungen an Kambodscha gekennzeichnet ist, markiert das Ende einer Ära, in der Herkunftsfragen im Kunsthandel oft bewusst ignoriert wurden.

Die Einzelheiten: Namen, Orte und die Chronologie des Verbrechens

Douglas Latchford wurde 1932 im damaligen Bombay geboren und kam Mitte der Fünfzigerjahre zufällig nach Bangkok. Dort bewegte er sich zunächst in einem Milieu aus Bodybuildern, Aristokraten und Geheimagenten, bevor er in den Handel mit südostasiatischen Antiquitäten einstieg. Die Beschaffung der Kunstwerke vor Ort war laut Campbell oft brutal und archaisch; sie erfolgte mit Spitzhacken, Dynamit und Ochsenkarren. Ein entscheidender Wendepunkt in Latchfords Karriere war die Zusammenarbeit mit dem Metropolitan Museum of Art in New York, dem er zunächst Werke schenkte, um Vertrauen aufzubauen, bevor er zu einem der wichtigsten Lieferanten für das Museum und dessen Mäzene avancierte. Ein konkreter Fall, der Latchford schließlich zu Fall brachte, war eine mannshohe Steinskulptur eines Kriegers, die 2011 bei Sotheby’s in New York versteigert werden sollte. Es stellte sich heraus, dass diese 1972 in Koh Ker gestohlen worden war. Nach einem zweijährigen Rechtsstreit kehrte die Figur nach Phnom Penh zurück. Latchford selbst starb im Jahr 2020, nur ein Jahr nachdem er in New York wegen Handels mit gestohlenen Kunstwerken angeklagt worden war. Bis heute wurden etwa 300 Objekte an Kambodscha zurückgegeben, darunter Stücke aus dem Denver Art Museum und der National Gallery of Australia.

Hintergrund: Die Entstehung eines kriminellen Netzwerks

Die Geschichte von Latchfords Aufstieg ist eng mit der wirtschaftlichen Entwicklung des Kunstmarkts in der Nachkriegszeit verknüpft. In den frühen Fünfzigerjahren stiegen die Preise für europäische Kunst aufgrund des Wirtschaftsbooms massiv an, was den Druck auf den Markt erhöhte, neue, exklusive Objekte zu finden. Kambodscha, das in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Kriegen, Hunger und einem verheerenden Genozid gezeichnet war, bot hierfür ein ideales, wenn auch tragisches Umfeld. Latchford verstand es, diese Situation zu nutzen. Er ließ Fotos von Objekten an archäologischen Stätten anfertigen und diese in einem exklusiven Zirkel von Londoner und New Yorker Kunsthändlern zirkulieren, noch bevor die Stücke überhaupt aus den Tempeln entfernt worden waren. Diese Art der gezielten Nachfrage schuf eine künstliche Knappheit und steigerte die Preise. Latchford selbst verfasste sogar Bücher über die Kunst der Khmer, um seine eigene Glaubwürdigkeit als Experte zu unterstreichen. Er behauptete stets, er habe die Artefakte vor der Zerstörung durch Bauern gerettet, eine Darstellung, die durch Campbells Recherchen als Schutzbehauptung entlarvt wird. Das Netzwerk, das er aufbaute, war so engmaschig, dass es über Jahrzehnte hinweg kaum auf Widerstand stieß.

Die Beteiligten: Gegenspieler und Komplizen

Das Buch beleuchtet ein breites Spektrum an Akteuren, die entweder direkt in Latchfords Machenschaften verwickelt waren oder diese durch ihr Schweigen ermöglichten. Als zentrale Gegenspieler Latchfords hebt Campbell die New Yorker Staatsanwältin Jessica Feinstein und den in Kambodscha lebenden amerikanischen Anwalt Bradley Gordon hervor. Gordon war es, der die entscheidenden Beweise lieferte, die Latchfords Diebstähle belegten. Auf der anderen Seite stehen Institutionen wie das Metropolitan Museum of Art, das Denver Art Museum und die National Gallery of Australia, die über Jahre hinweg Objekte aus Latchfords Nachlass oder direkt von ihm erworben hatten. Auch die Tochter des Kunsthändlers spielt eine Rolle, da sie laut den „Pandora Papers“ in die Verwaltung des Vermögens und der Kunstschätze über Treuhandgesellschaften und Offshore-Steueroasen eingebunden war. Ebenso werden führende Londoner und New Yorker Kunsthändler genannt, die als Vermittler fungierten und die Augen vor der fragwürdigen Herkunft der Objekte verschlossen. Die kambodschanische Regierung, vertreten durch Persönlichkeiten wie den stellvertretenden Premierminister Hun Many und Kulturministerin Phoeurng Sackona, treibt heute die Rückführung der geraubten Kulturgüter aktiv voran.

Einordnung: Die dunklen Praktiken des Kunstmarkts

Einzuordnen ist das Wirken von Douglas Latchford als Symptom einer tiefgreifenden moralischen Krise im internationalen Kunsthandel. Campbell zeigt auf, dass Latchford keine singuläre Figur war, sondern ein Produkt eines Systems, das auf Profitmaximierung und Diskretion basierte. Den Berichten zufolge war die Verflechtung zwischen dem Finanz- und dem Kunstmarkt in den vergangenen Jahrzehnten so eng, dass die Herkunft eines Werks – die sogenannte Provenienz – in vielen Fällen zweitrangig war. Besonders erschreckend ist die Erkenntnis, dass zwischen 1988 und 2011 allein bei Sotheby’s rund 400 Khmer-Objekte auf den Markt kamen, von denen zwei Drittel eine unklare Herkunft aufwiesen. Dies verdeutlicht, dass der Kunstraub nicht nur ein lokales kambodschanisches Problem war, sondern ein globales Phänomen, das von westlichen Auktionshäusern und Museen durch ihre Nachfrage erst ermöglicht wurde. Die Rückgaben der letzten Jahre sind zwar ein Fortschritt, doch bleibt die Frage, wie viele dieser geraubten Schätze noch immer in privaten Sammlungen verborgen sind und durch die Intransparenz des Marktes geschützt werden.

Offene Fragen: Was im Dunkeln bleibt

Obwohl das Buch von Matthew Campbell eine beeindruckende Tiefe an Informationen bietet, bleiben einige Aspekte der Geschichte im Unklaren. Der Quelltext weist explizit darauf hin, dass Latchford zwar angeklagt wurde, aber vor einer juristischen Verurteilung verstarb, wodurch eine umfassende gerichtliche Aufarbeitung seiner Taten ausblieb. Zudem bleibt unklar, wie viele der von Latchford gehandelten Objekte sich noch heute in privaten Sammlungen befinden, die nicht öffentlich zugänglich sind. Der Text deutet an, dass es zahlreiche weitere Akteure in Latchfords Umfeld gab, deren illegale Machenschaften bisher nicht vollständig durchleuchtet wurden. Es ist offen, welche weiteren, bisher unentdeckten Netzwerke existieren, die möglicherweise ähnliche Praktiken anwenden. Auch die genaue Rolle einzelner korrupter Beamter, die den Abtransport der Skulpturen über Thailand erst ermöglichten, wird nur in Ansätzen beleuchtet. Die Frage, inwieweit andere Auktionshäuser und Händler neben Sotheby’s in ähnliche Geschäfte verwickelt waren, bleibt ebenfalls eine Leerstelle, die einer weiteren Untersuchung bedarf.

Wie es weitergeht: Ein Prozess der Restitution

Die Rückgabe von 72 Objekten aus dem Nachlass von Douglas Latchford im Februar 2026 an Kambodscha markiert einen wichtigen Schritt in einem laufenden Prozess. Die kambodschanische Regierung unterstreicht mit der feierlichen Übernahme dieser Stücke im Nationalmuseum in Phnom Penh den hohen Stellenwert der kulturellen Identität. Es ist davon auszugehen, dass die Bemühungen zur Identifizierung und Rückführung weiterer geraubter Artefakte anhalten werden. Da Latchford mutmaßlich weit mehr Objekte verkauft hat, als bisher zurückgegeben wurden, bleibt der Druck auf Museen und Privatsammler bestehen, ihre Bestände kritisch zu prüfen. Die internationale Gemeinschaft steht vor der Herausforderung, die Überwachung des Kunstmarktes zu verschärfen, um den Handel mit Raubkunst künftig effektiver zu unterbinden. Die Aufarbeitung der „Pandora Papers“ und die damit verbundene Offenlegung von Latchfords finanziellen Strukturen könnten weitere Ermittlungen anstoßen, die über den reinen Kunstraub hinausgehen und auch steuerliche Aspekte sowie Geldwäsche betreffen. Der Fall Latchford wird somit noch lange als Präzedenzfall für die Notwendigkeit einer ethischen Wende im globalen Kunsthandel dienen.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/weisses-holzregal-mit-buchern-6334916/ · Foto: cottonbro studio
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunstmarkt/kunstraub-in-kambodscha-rezension-des-buchs-the-man-who-stole-the-gods-201102897.html