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Bonnie Garmus’ „Peck & Peck“: Lyriklesend soll die Welt genesen
Kultur · 13.10.2026 22:01

Bonnie Garmus’ „Peck & Peck“: Lyriklesend soll die Welt genesen

Kurz: Bonnie Garmus kehrt mit ihrem zweiten Roman „Peck & Peck“ zurück. Eine Geschichte über Lyrik, Zwillingsdynastien und die Gefahren der Künstlichen Intelligenz.

Ein literarisches Ereignis nach der Messe

Die Veröffentlichung von Bonnie Garmus’ zweitem Roman „Peck & Peck“ markiert einen der bemerkenswertesten Momente auf dem aktuellen deutschen Buchmarkt. Während die Frankfurter Buchmesse in den vergangenen Jahren oft als der zentrale Ort für die Präsentation großer Neuerscheinungen diente, hat sich das Muster in diesem Jahr verschoben. Die spektakulärsten Titel erscheinen nun zeitlich versetzt zum Messegeschehen. In dieses Umfeld reiht sich „Peck & Peck“ nahtlos ein, nachdem der Piper Verlag den Titel bereits im Vorfeld mit einer geheimnisvollen Marketingstrategie – etwa durch den Verkauf von Jutetaschen mit dem markanten Schriftzug – angekündigt hatte. Der Roman, der nun in deutscher Übersetzung vorliegt, tritt in große Fußstapfen: Garmus’ Debüt „Eine Frage der Chemie“ entwickelte sich vor vier Jahren zum weltweiten Sensationserfolg und erfuhr durch eine Serienadaption auf Apple TV eine zusätzliche Popularisierung. Mit der Veröffentlichung von „Peck & Peck“ stellt sich nun die Frage, ob die Autorin erneut ein Millionenpublikum für ein Thema begeistern kann, das auf den ersten Blick weniger massentauglich erscheint als ihr Erstlingswerk: die Welt der Lyrik.

Die Welt der Pecks und das Labyrinth in Manhattan

Der Roman entführt den Leser in das New York des Jahres 1982, genauer gesagt nach Lower Manhattan. Dort steht ein architektonisch ungewöhnliches Verlagsgebäude auf dreieckigem Grundriss, das durch seine labyrinthische Struktur besticht. Die Räumlichkeiten erstrecken sich von einem kellerartigen Bereich, in dem die Kopierabteilung untergebracht ist, über verschiedene Lektoratsebenen bis hin zum sogenannten Aviarium, einem überkuppelten Raum, der mit einer Vielzahl von Vogeleiern dekoriert ist. Das Wachtelei dient dabei als Symbol für die Lyrikvierteljahresschrift „Peck & Peck“. Die Zeitschrift wurde von einem Zwillingspaar gegründet, und über Generationen hinweg wurde die Herausgeberschaft innerhalb der Familie weitergegeben – stets an männliche Zwillinge. Die aktuelle Generation, Declonius und Salton Peck, bildet den Kern des familiären Konflikts. Während Declonius als editorisch begabt gilt, aber das Blatt finanziell in den Ruin trieb, agiert Salton als geschäftstüchtiger, wenn auch für Lyrik unempfänglicher Pragmatiker. Diese Familiendynamik bildet das Fundament, auf dem die Handlung des Romans aufbaut.

Eine Vorgeschichte voller Zwillingsmythen

Die Geschichte der Familie Peck ist geprägt von einer fast schon bizarren Kontinuität. Die Tradition, die Zeitschrift in die Hände von Zwillingsnachkommen zu legen, zieht sich durch das gesamte 20. Jahrhundert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieses Muster erneut fortgesetzt, was dem Roman eine fast mythische Note verleiht. Die aktuelle Situation im Verlag spiegelt jedoch eine tiefgreifende Entfremdung wider. Die beiden Brüder Declonius und Salton harmonieren nicht mehr miteinander, was den Verlag an den Rand des Abgrunds führt. Als der Protagonist Batter Gray, ein fünfundzwanzigjähriger Mann mit einem absoluten Gehör für Rhythmus und Versmaß, im Jahr 1982 seine Arbeit im Keller des Verlags aufnimmt, trifft er auf ein Gefüge, das von skurrilen Redaktionspraktiken und den persönlichen Eigenheiten der 39 Lektoratsmitarbeiter geprägt ist. Die scheinbar klare Trennung zwischen dem sensiblen Declonius und dem cholerischen Salton erweist sich dabei im Verlauf der Erzählung als ein Trugschluss, der die Komplexität der familiären Verstrickungen verdeutlicht.

Die Akteure hinter den Kulissen

Im Zentrum des Geschehens steht Batter Gray, der als Ich-Erzähler fungiert. Sein Name, der an den englischen Begriff für graue Zellen („gray matter“) erinnert, ist Programm für seine Rolle als Beobachter. Er ist der einzige überlebende Teil eines Zwillingspaars, was ihn in eine besondere psychologische Position bringt. Die Autorin Bonnie Garmus, selbst ehemalige Werbetexterin mit Stationen in Seattle, Zürich und London, hat für diesen Roman eine deutlich andere Erzählperspektive gewählt als in ihrem Debüt, das noch auktorial erzählt wurde. Die 39 Mitarbeiter der Lektorate tragen durch ihre individuellen Skurrilitäten dazu bei, dass der Verlag wie ein Mikrokosmos wirkt, der fast schon für eine filmische Umsetzung prädestiniert scheint. Die Interaktion zwischen diesen Charakteren und den Peck-Zwillingen bildet das Rückgrat der Handlung, wobei Garmus geschickt mit den Erwartungen des Lesers spielt und durch die detaillierte Ausarbeitung der Verlagsstruktur eine dichte Atmosphäre schafft.

Einordnung der literarischen Ambitionen

Einzuordnen ist das Werk als eine Abkehr von der gesellschaftlichen Breite des Erstlingsromans. Während „Eine Frage der Chemie“ Themen wie Frauenemanzipation und Medienmanipulation in den 1960er Jahren behandelte, fokussiert sich Garmus nun auf einen elitären, peripheren Aspekt des Lebens in den 1980er Jahren. Den Berichten zufolge nutzt die Autorin die Welt der Lyrik als Allegorie, um grundlegende Fragen unserer Zeit zu verhandeln. Es geht um den Konflikt zwischen menschlichem Geist und maschineller Produktion. Obwohl der Roman in der Vergangenheit spielt, ist die Thematik der Künstlichen Intelligenz allgegenwärtig. Die akribische Liste realer und imaginärer Dichter, die im Roman erwähnt werden, dient dabei als Verweisspiel auf die amerikanische Literaturgeschichte. Kritisch einzuordnen ist jedoch, ob dieses spezifische Verweisspiel ein breites deutschsprachiges Publikum ebenso zu fesseln vermag wie das Familiendrama des Vorgängers, oder ob die elitäre Welt der Lyrik eine Hürde für den Massenerfolg darstellen könnte.

Die Rolle der Künstlichen Intelligenz

Ein zentrales Motiv des Romans ist die Auseinandersetzung mit der Künstlichen Intelligenz, auch wenn diese im Jahr 1982 angesiedelt ist. Garmus nutzt die historische Kulisse, um eine zeitlose Debatte über Urheberrecht und den Verfall der Individualität zu führen. Batter Gray formuliert im Laufe des Buches ein leidenschaftliches Plädoyer für die Dichtkunst. Er warnt davor, dass die Kunstform aussterben könnte, wenn sie nicht gegen die Algorithmen verteidigt wird. Der Computer, der Schach spielt, wird hier als Symbol für eine Bedrohung gesehen, die Gedichte lediglich durch die Rekombination bestehender Werke „schreibt“. Diese Form des Plagiats, die Garmus bereits für das Jahr 1959 thematisiert, wird im Roman als eine Gefahr für die menschliche Kreativität dargestellt. Die Erzählweise wirkt dabei streckenweise sehr direkt, fast schon holzschnittartig, wenn sie die Problematik der KI-generierten Inhalte thematisiert, was den Leser dazu anregt, über die heutige Relevanz dieser Fragen nachzudenken.

Offene Fragen und erzählerische Lücken

Der Quelltext lässt einige Aspekte der Handlung offen, die den Leser neugierig machen dürften. Zwar erfahren wir, dass Batter Gray seine Geschichte aus einer Gefängniszelle heraus rekonstruiert, doch die genauen Umstände seiner Verhaftung während einer exzessiven Verlagsparty bleiben im Detail vage. Ebenso wird die Frage aufgeworfen, wie glaubhaft der legendäre Ruf der Zeitschrift „Peck & Peck“ tatsächlich ist, da Garmus zwar akribisch Dichter auflistet, die dort publiziert haben sollen, die tatsächliche Wirkung dieser Texte auf die Außenwelt jedoch im Unklaren bleibt. Auch die sechzigseitige Coda, in der alle Konflikte in der Manier eines Groschenromans aufgelöst werden sollen, lässt Fragen zur erzählerischen Konsistenz offen. Es bleibt unklar, ob diese Auflösung eine bewusste stilistische Entscheidung der Autorin ist, um mit den Erwartungen des Publikums zu spielen, oder ob sie den dramaturgischen Anforderungen des Romans geschuldet ist.

Ausblick auf die Rezeption

Wie es mit dem Erfolg von „Peck & Peck“ weitergeht, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Der Piper Verlag hat mit der Sicherung der englischsprachigen Rechte für den größten Teil Europas bereits frühzeitig die Weichen für eine internationale Vermarktung gestellt. Die deutsche Übersetzung von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann ist nun der erste Schritt, um das Werk einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Ob der Roman an den Erfolg von „Eine Frage der Chemie“ anknüpfen kann, hängt maßgeblich davon ab, wie das Publikum auf die Mischung aus intellektuellem Diskurs über Lyrik und der spannungsgeladenen Thriller-Elemente reagiert. Die Kombination aus einer exzentrischen Verlagsgeschichte, der Auseinandersetzung mit KI und der persönlichen Entwicklung von Batter Gray bietet jedenfalls genügend Stoff für intensive Diskussionen in Literaturzirkeln und auf den Bestsellerlisten der kommenden Monate.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/lampen-tunnel-korridor-flur-12904925/ · Foto: Vladimir Srajber
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/literatur/naechster-bestseller-bonnie-garmus-roman-peck-peck-201309203.html