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Afghanistan-Tourismus: Tretbootfahren bei den Taliban
Schlagzeilen · 22.08.2026 08:56

Afghanistan-Tourismus: Tretbootfahren bei den Taliban

Kurz: Fünf Jahre nach der Machtübernahme der Taliban zieht Afghanistan wieder Touristen an. Trotz Reisewarnungen und Unterdrückung besuchen Reisende das Land.

Was geschehen ist – die Kernmeldung

Fünf Jahre nach der gewaltsamen Machtübernahme durch die Taliban im Jahr 2021 zeigt sich ein paradoxes Bild in Afghanistan: Während westliche Regierungen, darunter Deutschland, weiterhin eindringlich vor Reisen in das Land am Hindukusch warnen, wächst die Zahl der ausländischen Touristen und Reise-Influencer stetig an. Reisende aus verschiedenen Teilen der Welt, darunter Australien, Neuseeland und Kolumbien, besuchen das Land, um die unberührte Natur zu erleben oder historische Stätten zu besichtigen. Die Taliban-Regierung begrüßt diese Entwicklung aktiv und versucht, das Land als sicheres Reiseziel zu vermarkten. Dabei entsteht ein Spannungsfeld zwischen der von den Machthabern propagierten Sicherheit und der Realität eines Landes, in dem Frauen massiven Restriktionen unterliegen und diplomatische Schutzmechanismen für westliche Staatsbürger faktisch nicht existieren. Die Reisenden bewegen sich dabei durch eine Gesellschaft, die von strengen islamischen Kleidungsvorschriften und einer tiefgreifenden politischen Unterdrückung geprägt ist, während sie gleichzeitig die Gastfreundschaft der lokalen Bevölkerung betonen.

Die Einzelheiten – Zahlen, Namen und Orte

Zu den Reisenden, die das Land derzeit besuchen, zählen Jade aus Australien und Calum aus Neuseeland. Ihr Weg führte sie unter anderem in das Bamiyan-Tal, einen Ort, der durch die Sprengung der jahrhundertealten Buddha-Statuen durch die Taliban im Jahr 2001 traurige Berühmtheit erlangte. Heute können Touristen dort Eintrittskarten erwerben, um die leeren Felsnischen zu besichtigen. Ein weiterer prominenter Ort für den Tourismus ist der Band-e-Amir-Nationalpark mit dem See „Band-e Haibat“. Dort bieten sich bizarre Szenen: Touristen fahren in Tretbooten auf dem Wasser, während bewaffnete Taliban-Kämpfer das Geschehen beobachten. Qari Mustafa Saleh, der als Leiter der Abteilung für Information und Kultur der Provinz Bamiyan fungiert, ist maßgeblich für die touristische Vermarktung verantwortlich. Er betont, dass Touristen aus jedem Land willkommen seien und das Land mit vollem Vertrauen bereisen könnten. Der Historiker Estefan aus Kolumbien, der ebenfalls durch das Land reist, berichtet von Sicherheitsvorkehrungen in jeder größeren Stadt sowie an allen wichtigen Zufahrtswegen und Kulturstätten, die ihm ein Gefühl der Sicherheit vermittelt hätten.

Hintergrund – Der Weg zur aktuellen Lage

Die aktuelle Situation ist das Ergebnis einer fünfjährigen Herrschaft der Taliban, die im August 2021 die Kontrolle über Afghanistan übernahmen. Seitdem hat sich das Land politisch und gesellschaftlich grundlegend gewandelt. Während die Taliban versuchen, durch die Förderung des Tourismus eine Form von internationaler Normalisierung und wirtschaftlicher Belebung zu suggerieren, bleibt die humanitäre und politische Lage für die afghanische Bevölkerung prekär. Die Zerstörung kultureller Monumente, wie die Buddha-Statuen in Bamiyan, bleibt ein zentrales Symbol für die radikale Auslegung der Religion durch die Taliban. Die internationale Gemeinschaft, insbesondere westliche Staaten, hat auf die Machtübernahme mit dem Abbruch diplomatischer Beziehungen reagiert. Deutschland unterhält derzeit keine Botschaft mehr im Land. Die Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes basieren auf der Einschätzung, dass eine akute Gefahr von Entführungen, Terroranschlägen und willkürlicher Verhaftung besteht. Wer sich dennoch für eine Reise entscheidet, begibt sich in einen rechtsfreien Raum, in dem das Heimatland keine konsularische Hilfe leisten kann.

Die Beteiligten – Wer entscheidet und wer reist

Auf der einen Seite stehen die Touristen wie Jade, Calum und Estefan, die aus unterschiedlichen persönlichen Motiven nach Afghanistan kommen – sei es aus historischem Interesse, Abenteuerlust oder dem Wunsch, die Auswirkungen der Taliban-Herrschaft aus nächster Nähe zu beobachten. Auf der anderen Seite agieren die Taliban-Funktionäre, wie Qari Mustafa Saleh, die den Tourismus als Instrument der Legitimation nutzen. Sie definieren die Regeln für das öffentliche Leben, einschließlich der Kleidungsvorschriften für Frauen und der Notwendigkeit männlicher Begleiter bei Reisen. Zudem spielen Beobachter wie die ZDF-Korrespondentin Katrin Eigendorf und der Reporter Dominik Lessmeister eine Rolle, die die Situation vor Ort dokumentieren. Auch Filmemacher wie Marcel Mettelsiefen und Jordan Bryon haben sich mit der kindlichen Perspektive auf das Leben unter den Taliban auseinandergesetzt. Die afghanische Zivilgesellschaft, insbesondere Frauen, bleibt jedoch weitgehend von der Teilhabe am öffentlichen Leben ausgeschlossen, was den Kontrast zwischen dem unbeschwerten Leben der Touristen und dem Alltag der Einheimischen verdeutlicht.

Einordnung – Was das bedeutet

Einzuordnen ist die aktuelle Entwicklung als bewusster Versuch der Taliban, ein Bild von Normalität zu erzeugen, das nicht mit der tatsächlichen Menschenrechtslage korrespondiert. Den Berichten zufolge nutzen die Machthaber den Tourismus, um ihre eigene Interpretation von Sicherheit zu propagieren. Dass Touristen sich sicher fühlen, bedeutet jedoch nicht, dass das Land für die eigene Bevölkerung sicher ist. Die „Sicherheit“, von der Qari Mustafa Saleh spricht, ist eine durch massive Präsenz bewaffneter Kämpfer erzwungene Ordnung. Für westliche Reisende ist der Besuch ein ethisches Dilemma: Während sie die Gastfreundschaft der Menschen vor Ort schätzen, sind sie gleichzeitig Zeugen einer massiven Unterdrückung, insbesondere von Frauen. Die Tatsache, dass Touristen problemlos Visa erhalten, während Afghanen das Land nicht verlassen können, unterstreicht die tiefe Ungerechtigkeit des Systems. Die „Sicherheit“ der Touristen ist somit ein Privileg, das auf der Unterdrückung der lokalen Bevölkerung aufbaut und von den Taliban als PR-Instrument eingesetzt wird.

Offene Fragen – Was bleibt unbeantwortet

Der Quelltext lässt zahlreiche Fragen offen, die für ein vollständiges Bild der Situation notwendig wären. Es bleibt beispielsweise unklar, wie viele Touristen tatsächlich pro Jahr nach Afghanistan einreisen und aus welchen Ländern diese primär stammen. Auch die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus für die Taliban-Regierung wird nicht mit konkreten Zahlen belegt; es ist unklar, ob diese Einnahmen signifikant zur Staatskasse beitragen oder ob es sich primär um einen propagandistischen Aufwand handelt. Zudem wird nicht detailliert erläutert, welche konkreten Sicherheitsrisiken für westliche Touristen bestehen, die über die allgemeinen Warnungen des Auswärtigen Amtes hinausgehen. Es wird auch nicht geklärt, wie die Taliban mit Touristen umgehen, die sich nicht an die strengen Regeln halten, oder welche Konsequenzen drohen, wenn Reisende die politischen Verhältnisse vor Ort offen kritisieren. Die Frage, inwieweit die lokale Bevölkerung den Tourismus als Unterstützung der Taliban wahrnimmt oder als willkommene Einnahmequelle, bleibt ebenfalls weitgehend unbeantwortet.

Wie es weitergeht – Ausblick und offene Punkte

Die Situation in Afghanistan bleibt festgefahren. Es sind keine Anzeichen für eine Änderung der diplomatischen Haltung westlicher Staaten erkennbar; die Reisewarnungen bleiben bestehen. Die Taliban werden voraussichtlich weiterhin versuchen, den Tourismus als Mittel zur Legitimierung ihrer Herrschaft zu nutzen, solange sie darin einen Nutzen für ihr Image sehen. Ob es zu einer weiteren Zunahme des Tourismus kommt, hängt stark von der globalen Sicherheitslage und der Wahrnehmung durch Reise-Influencer ab, die das Land als „Geheimtipp“ vermarkten. Da Deutschland keine diplomatischen Beziehungen zu den Taliban unterhält, gibt es keine Anzeichen für eine baldige Wiedereröffnung einer Botschaft oder eine Normalisierung der diplomatischen Kanäle. Die Reisenden werden sich weiterhin in einem Umfeld bewegen müssen, das von staatlicher Überwachung und strengen religiösen Vorgaben geprägt ist. Die Zukunft des Tourismus in Afghanistan bleibt somit eng an die politische Stabilität der Taliban-Herrschaft geknüpft, die jedoch auf einem Fundament der Unterdrückung steht, das international weiterhin scharf kritisiert wird.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/ruhiger-seeblick-in-adana-mit-tretbooten-34925653/ · Foto: Kader Azra Namuslu
Quelle: https://www.zdfheute.de/politik/ausland/afghanistan-tourismus-taliban-reisen-warnung-100.html