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3D-Hirngewebemodell soll Alzheimer-Forschung verbessern
Schlagzeilen · 17.08.2026 16:57

3D-Hirngewebemodell soll Alzheimer-Forschung verbessern

Kurz: Forschende der LMU München haben ein 3D-Hirngewebemodell entwickelt, das die Alzheimer-Forschung beschleunigen und neue Therapieansätze ermöglichen soll.

Ein bedeutender Fortschritt in der Alzheimer-Forschung

Ein Team von Wissenschaftlern der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München hat einen bemerkenswerten Durchbruch in der medizinischen Grundlagenforschung erzielt. Nach einer intensiven Entwicklungsphase von neun Jahren präsentierten die Forschenden ein neuartiges 3D-Gewebemodell, das aus menschlichen Hirnzellen besteht. Dieses Modell bildet das komplexe Zusammenspiel der wichtigsten Zelltypen im menschlichen Gehirn nach und soll künftig dabei helfen, die Alzheimer-Krankheit in ihren Grundzügen besser zu verstehen. Das Ziel der LMU-Wissenschaftler ist es, die Entwicklung neuer Therapiemöglichkeiten maßgeblich zu beschleunigen. Die Ergebnisse dieser Arbeit wurden in der renommierten Fachzeitschrift Nature Neuroscience veröffentlicht, was die wissenschaftliche Relevanz des Projekts unterstreicht. Das Modell besteht aus winzigen Gewebekügelchen, die etwa die Größe eines halben Stecknadelkopfes aufweisen. In diesen Strukturen können die verschiedenen Gehirnzelltypen miteinander interagieren, was es den Forschenden ermöglicht, Alzheimer-typische krankhafte Veränderungen gezielt auszulösen und zu beobachten. Diese methodische Neuerung könnte die Art und Weise, wie Wirkstoffe gegen Demenz getestet werden, grundlegend verändern und die Abhängigkeit von bisherigen Tiermodellen verringern.

Die technischen Details und die Zusammensetzung des Modells

Das Herzstück dieser Entwicklung sind menschliche Stammzellen, die im Labor in spezifische Hirnzelltypen umgewandelt werden. Die Forschenden konzentrieren sich dabei auf drei wesentliche Zellarten, die für das Verständnis der Alzheimer-Erkrankung von zentraler Bedeutung sind: Neuronen, Astrozyten und Mikrogliazellen. Die Nervenzellen, also die Neuronen, bilden untereinander ein komplexes Netzwerk und kommunizieren über Synapsen. Die Astrozyten übernehmen die wichtige Aufgabe, diese Nervenzellen mit essenziellen Nährstoffen zu versorgen und ihre grundlegenden Funktionen zu unterstützen. Die dritte Gruppe, die Mikrogliazellen, fungieren als das körpereigene Immunsystem des Gehirns. Ihre Aufgabe ist es, tote Zellen sowie schädliche Ablagerungen zu beseitigen. Dominik Paquet, der das Projekt an der LMU leitet, erläutert, dass diese Zellen in einer speziellen Nährlösung innerhalb von nur einer Woche zu den beschriebenen Gewebekügelchen heranwachsen. Diese organisieren sich selbstständig und übernehmen dabei zentrale Funktionen des menschlichen Gehirns. Durch gentechnische Methoden ist es dem Team zudem gelungen, den Krankheitsverlauf im Modell zu beschleunigen, da die natürlichen Prozesse im Menschen normalerweise Jahrzehnte in Anspruch nehmen würden.

Der lange Weg zur Entwicklung und die wissenschaftliche Vorgeschichte

Die Entwicklung dieses Modells war ein Prozess, der sich über fast ein Jahrzehnt erstreckte. Der Biochemiker Christian Haass, der seit Jahrzehnten intensiv zur Alzheimer-Krankheit forscht, betont die Komplexität des Vorhabens. Um die Alzheimer-typischen Veränderungen in einem Zeitrahmen zu erzeugen, der für die Forschung praktikabel ist, wurden mehrere Mutationen gleichzeitig in das Gewebe eingebracht. Diese Kombination der Mutationen führt dazu, dass sich die krankhaften Effekte verstärken und schneller sichtbar werden. Die Forschung stützt sich dabei auf das bekannte Erklärungsmodell der Alzheimer-Krankheit, bei dem Beta-Amyloid-Proteine nicht mehr abgebaut werden und stattdessen verklumpen. Diese Plaques beeinflussen wiederum das Tau-Protein, welches normalerweise die Stabilität der Nervenzellen gewährleistet. Durch die Verklumpung des Tau-Proteins kommt es zu einer Schädigung der Nervenzellen, was letztlich zu den klinischen Symptomen wie Gedächtnisverlust, Sprachverlust und Orientierungsschwierigkeiten führt. Die Arbeit der LMU-Forschenden baut auf diesem theoretischen Fundament auf und versucht, die Lücke zwischen der Theorie und der praktischen Anwendung zu schließen.

Die beteiligten Akteure und ihre wissenschaftliche Expertise

Das Projekt wird maßgeblich von zwei zentralen Persönlichkeiten der LMU München vorangetrieben: Dominik Paquet und Christian Haass. Während Paquet die Projektleitung innehat und sich intensiv mit der Funktionalität der Gewebekügelchen befasst, bringt Haass seine jahrzehntelange Erfahrung in der Alzheimer-Forschung ein. Beide Wissenschaftler betonen die Notwendigkeit, das Zusammenspiel zwischen den Amyloid-Ablagerungen und den Tau-Proteinen zu verstehen, was Haass als den „Heiligen Gral“ der Alzheimer-Forschung bezeichnet. Neben den Forschenden sind auch Institutionen wie die LMU München als wissenschaftliche Basis involviert. Zudem richtet sich der Blick der Wissenschaftler bereits auf die Pharmabranche, da für die weitere Erprobung von Wirkstoffen Kooperationen mit Partnern aus der Industrie angestrebt werden. Die Arbeit der Wissenschaftler ist eingebettet in einen größeren Kontext, in dem weltweit nach Wegen gesucht wird, um Demenzerkrankungen besser zu behandeln, vorzubeugen oder deren Verlauf zumindest positiv zu beeinflussen. Die Expertise der Beteiligten ist dabei entscheidend, um die komplexen biologischen Prozesse in dem 3D-Modell korrekt zu interpretieren und für die Medikamentenentwicklung nutzbar zu machen.

Einordnung: Warum dieses Modell die Forschung verändern könnte

Einzuordnen ist das neue 3D-Modell als ein bedeutender Schritt weg von der bisherigen Abhängigkeit von Tiermodellen. Viele Wirkstoffe, die in der Vergangenheit in klinischen Studien scheiterten, hatten in Tierversuchen – insbesondere an Mäusen – vielversprechende Ergebnisse gezeigt. Christian Haass und Dominik Paquet argumentieren jedoch, dass die Nervenzellen von Mäusen nicht in gleichem Maße empfänglich für die spezifisch menschlichen Alzheimer-Veränderungen sind wie menschliche Zellen. Das neue Modell bietet hier eine humanere und potenziell präzisere Plattform. Zudem spielen die Mikrogliazellen eine entscheidende Rolle, da neuere Erkenntnisse darauf hindeuten, dass Risikofaktoren für Alzheimer oft in diesen Immunzellen verankert sind. Wenn die Mikrogliazellen nicht mehr korrekt funktionieren, können sie die schädlichen Beta-Amyloid-Ablagerungen nicht mehr entfernen. Das Modell erlaubt es, genau diese Interaktionen zu untersuchen. Den Berichten zufolge könnte dies der Schlüssel sein, um Medikamente zu finden, die nicht nur bei Patienten im Frühstadium wirken, sondern auch bei bereits fortgeschrittenen Krankheitsverläufen, bei denen die Tau-Verwicklungen bereits eingetreten sind.

Offene Fragen und wissenschaftliche Herausforderungen

Trotz des technologischen Fortschritts gibt es noch erhebliche Lücken, die das Modell derzeit nicht vollständig schließen kann. Die Forschenden selbst räumen ein, dass das 3D-Gewebemodell noch nicht perfekt ist. Eine wesentliche Herausforderung besteht darin, dass sich die Amyloid-Plaques im Modell noch nicht exakt so ablagern, wie es im Gehirn von betroffenen Patienten der Fall ist. Auch die Ausprägung der Tau-Verwicklungen erreicht noch nicht das Maß, das für eine vollständige Abbildung der Krankheitssymptome notwendig wäre. Zudem bleibt die Frage offen, wie genau die Verbindung zwischen dem Abbau der Amyloide und der Veränderung des Tau-Proteins auf molekularer Ebene funktioniert. Hier besteht weiterhin ein erheblicher Forschungsbedarf. Die Wissenschaftler sind sich bewusst, dass der Weg von der Laborentwicklung bis hin zu einem zugelassenen Medikament noch weit ist. Die Frage, ob das Modell tatsächlich in der Lage ist, Wirkstoffe zu identifizieren, die beim Menschen die gleiche Wirkung zeigen wie im Labor, kann erst durch zukünftige Testreihen und Kooperationen mit der Pharmaindustrie abschließend beantwortet werden.

Der Ausblick: Wie es in der Forschung weitergehen soll

Die nächsten Schritte der Forschungsgruppe um Paquet und Haass sind klar definiert. Nachdem das Modell nun in der Fachwelt vorgestellt wurde, liegt der Fokus auf der praktischen Anwendung und der Suche nach Kooperationspartnern. Dominik Paquet sucht aktiv nach Partnern aus der Pharmabranche, die bereit sind, mit dem 3D-Modell zu arbeiten und gemeinsam an der Identifizierung neuer Wirkstoffkandidaten zu forschen. Die Erwartungen sollen dabei jedoch realistisch bleiben, denn eine schnelle Verfügbarkeit von neuen Medikamenten ist laut den Forschenden nicht zu erwarten. Der Prozess der Wirkstoffsuche und der anschließenden klinischen Prüfung ist langwierig und komplex. Dennoch sind die Wissenschaftler optimistisch, dass sie mit ihrem humanen Modell eine gute Chance haben, einen Durchbruch bei der Suche nach wirksamen Therapien zu erzielen. Die kommenden Jahre werden zeigen, inwieweit sich das Modell in der industriellen Anwendung bewährt und ob es tatsächlich dazu beitragen kann, die Behandlungsmöglichkeiten für Alzheimer-Patienten substanziell zu verbessern.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/abstrakt-technologie-forschung-lernen-17483873/ · Foto: Google DeepMind
Quelle: https://www.tagesschau.de/wissen/gesundheit/alzheimer-modelle-hirn-100.html